Von 1995 bis 2005 – bevor Coworking als Begriff besteht

Die Geschichte des Coworkings startet bevor der Begriff Coworking in seiner heutigen Form überhaupt existierte. Die ersten Ausprägungen gehen damals insbesondere mit der Ausbreitung des Internets einher.

Im Herbst 1995 wird das c-base Hackerspace in Berlin gegründet. Der Begriff Coworking wird damals nicht genutzt. In den Räumlichkeiten der c-base stehen aber zwei Motive im Fokus, die heute zentral für Coworking stehen: Community und Austausch auf gemeinschaftlich genutzten Flächen. Zum einen sollen Wissen und Fähigkeiten rund um Computer Soft- und Hardware vermittelt werden. Zum anderen nutzen alle Mitglieder die Internetverbindung des Hackerspaces.

Im Jahr 1999 entstand in New York das 42 West 24. Mitten in Manhattan bot ein Software-Unternehmen damals flexibel buchbare Schreibtische an, die von Freelancern und kleine Startups genutzt werden konnten. Bis heute existiert das Gemeinschaftsbüro noch und es können Hot Desks, Fix Desks und private Büros gemietet werden.

Hot Desks im 42 West 24 in New York

Im Jahr 2002 entstand in Wien mit der Schraubenfabrik ein Zentrum für Gründer und Entrepreneure. Von Beginn an stand die Gemeinschaft und das soziale Miteinander im Mittelpunkt. Hauptsache nicht alleine arbeiten – so lautete die Devise. Zudem sollte die Schraubenfabrik ein “cooler” Arbeitsraum sein. Auch wenn der Begriff erst später entsteht, nennt sich das Space bis heute die “Mutter des Coworkings”.

Nicht nur in Österreich entstehen Vorläufer, auch in Dänemark wird Coworking zum Trend. Im Dezember 2002 entstand in Aarhus die Lynfabrikken. Sie ist ein Café mit Arbeitsplätzen. Die Lynfabrikken selber nennt die Arbeitsflächen “Büro-Hotel” und beschreibt so die Flexibilität, die wir heute mit Coworking verbinden.

Lynfabrikken Coworking Space in Aarhus, Dänemark

Im Jahr 2004 eröffnet der Gate 3 Work Club in Kalifornien. Hier trafen eine moderne und hochwertige Büroeinrichtung auf die Idee, in der Gemeinschaft zu arbeiten, aufeinander. Leider musste der Work Club nach nur wenigen Monaten Anfang 2015 wieder schließen.

Der Coworking-Begriff entsteht 2005

Im August des Jahres 2005 ist es dann soweit. Brad Neuberg eröffnet in San Francisco das erste Coworking Space in der Spiral Muse. Es hat zunächst nur zwei Tage die Woche geöffnet. Brads war zuvor sowohl angestellt gewesen und hatte auch als Freelancer gearbeitet. Seine Motivation: die Struktur und Gemeinschaft eines Unternehmens sollte verbunden werden mit der Freiheit und Autonomie eines Freiberuflers.

In Berlin entsteht zeitgleich das St. Oberholz. Es erlaubt ganz bewusst die Nutzung des offenen WLANs. So entsteht das erste Coworking Café in Deutschland. Heute verteilt sich das St. Oberholz über zwei Etagen, ein Café im Erdgeschoss und dedizierte Coworking Flächen im Stockwerk drüber.

Nach gut einem Jahr wurde dann das Space in der Spiral Muse geschlossen und die Hat Factory eröffnet. Die Hat Factory war das erste Vollzeit Coworking Space in der Bay Area. Ebenfalls im Jahr 2006 ging die Coworking Wiki online. Die Wiki wird bis heute gepflegt und gibt einen Überblick zu wissenschaftlichen Arbeiten, Tools, Konferenzen und Blogs.

Schon nach kurzer Zeit wurde die Idee von Coworking Spaces auch in Europa aufgenommen. In der Schweiz, genauer gesagt in Zürich, eröffnete das Citizen Space mit dem Motto “Because working alone sucks”. In Barcelona eröffnete das Gracia Workcenter. Auch bei Google spiegelt sich der Trend wieder und Coworking taucht zum ersten Mal vermehrt in den Suchen auf.

Coworking von 2008 bis 2009

Auch in den traditionellen Medien gewinnt Coworking langsam an Relevanz. So nahm die New Work Times im Februar 2008 das Thema auf. “They’re Working on Their Own, Just Side by Side” ist ein Portrait über Brad Neuberg, die Hat Factory und die ersten Schritte an der Westküste. Der Artiekel beschreibt das Wachstum der Coworker-Zahlen und die Entstehung weiterer Coworking Spaces. Bis zum Ende des Jahres gab es ungefähr 160 Spaces weltweit.

Ebenfalls 2008 entstand auch die Idee einer Coworking Visa. Eine Allianz von Anbietern erlaubt Coworkern ohne Extrakosten für eine begrenzte Zeit alle teilnehmenden Spaces zu nutzen. Dies kam vor allem Freelancern und den digitalen Nomade zu gute.

In Deutschland wurde zeitgleich Design Offices in Nürnberg gegründet. Das Unternehmen sieht sich als treibende Kraft rund um das Thema New Work. Zehn Jahre nach der Gründung betreibt Design Offices in elf Städten in Deutschland Coworking Spaces und Shared Offices sowie Event Flächen.

Im Oktober 2009 erschien das Buch “I’m Outta Here – How Coworking Is Making the Office Obsolet” von Todd Sundsted, Tony Bacigalupo und Drew Jones. Die drei Autoren beschreiben die Coworking Revolution von 2005 bis zum Release. Sie erklären, warum aus ihrer Sicht vor allem junge Talente den traditionellen Büros den Rücken kehren.

Das Jahr 2009 ist zudem ein entscheidendes Jahr für Coworking in Deutschland: mit dem betahaus entstand in Berlin auf 400 Quadratmetern das erste offizielle Coworking Space in der Bundesrepublik. Die Gründer rund um Christoph Fahle dachten sogar, dass sie Coworking erfunden hätten. Der Erfolg lässt das betahaus-Team expandieren. 2010 wurde das zweite Coworking Space in Hamburg eröffnet. Auch Standorte in Köln und sogar Lissabon werden geplant und eröffnet.

Betahaus Berlin Bürofläche

Die Jahre 2010 und 2011

Ebenfalls 2010 ging das Deskmag online. Gegründet in Berlin hat es sich zum Ziel gemacht, über Coworking und Coworking Spaces zu berichten. Im Fokus stehen dabei die neue Generation von unabhängigen Kreativen, Freelancern und Gründern, die von Coworking profitieren, es aber gleichzeitig auch prägen.

Am 9. August 2010 fand der erste #CoworkingDay statt. Im November 2010 folgte in Brüssel die erste Coworking Konferenz mit ungefähr 150 Teilnehmern. Die Szene verbindet und organisiert sich immer mehr und ist längst kein rein US-amerikanisches Phänomen mehr.

Dennoch wird eine Gründung in den USA, genauer in New York, Coworking auf Jahre beeinflussen. WeWork wurde 2010 gegründet und ist innerhalb von kürzester Zeit zum Big Player aufgestiegen. Am Ende des Jahres 2010 gab es weltweit geschätzte 600 Coworking Spaces. Fast viermal so viele Standorte wie zwei Jahre zuvor.

WeWorks erster Space in Soho, New York

Die Coworking Europe Conference fand im Jahr darauf zum ersten Mal in Berlin statt. Die Konferenz etabliert sich in Europa als jährliches Event mit wechselnden Austragungsorten. 2018 fand sie im November in Amsterdam statt. Über 60 Speaker teilten ihre Gedanken zu aktuellen Themen über drei Tage.

Coworking von 2012 bis 2014

2012 startet das Deskmag die erste “Global Coworking Survey”, die von nun an jährlich durchgeführt wird. Mittlerweile werden auf über 400 Slides die Daten der Umfrage präsentiert. Die Resultate sind dabei sehr detailliert aufgearbeitet und bieten insbesondere für Space-Betreiber immer wieder Insights in die Branche. Coworking wächst derweil weiter. Ende 2012 gab es global ungefähr 2000 Spaces. Auf Twitter wurden in den 12 Monaten insgesamt 93000 Tweets mit #coworking versehen.

Im Verlauf des Jahres 2013 musste die deutsche Coworking Szene die ersten Rückschläge verkraften. Das betahaus in Köln musste schließen. Das Konzept ging in der Domstadt nicht auf. Parallel schaffte es aber WeWork eine sehr beachtliche Finanzierungsrunde abzuschließen. In der C-Series nahmen die New Yorker 150 Millionen Dollar für die Expansion in den USA ein.

Nur ein Jahr später schloß WeWork die D-Series ab und nahm weitere 355 Millionen Dollar ein. Damit wurde WeWork auf 4,6 Milliarden Dollar oder rund 4 Milliarden Euro bewertet. Parallel dazu wurde in Israel Mindspace gegründet. In Tel Aviv entstand das erste Coworking Space der Marke. Es ist eines von insgesamt knapp 5000 Spaces, die seit Ende 2014 über alle Kontinente verteilt sind. Das sind mehr als doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor und nahezu eine Verzehnfachung im Vergleich zu den 600 Spaces im Jahr 2010.

Coworking Spaces weltweit von 2008 bis 2018
Coworking Spaces weltweit von 2008 bis 2018

Von 2015 bis Ende 2018 

Auch die folgenden Jahre waren geprägt von Neugründungen und Übernahmen. rent24 wurde in Berlin gegründet. Zunächst startete das Unternehmen als reiner Coworking-Anbieter und akquirierte später die FriendsFactory. Mittlerweile wird aber auch Coliving angeboten. Häufig befinden sich die Coliving Spaces in unmittelbarer Nähe zu den Coworking Spaces der Kette.

Ebenfalls 2015 kaufte Regus den niederländischen Coworking Anbieter SPACES. 2016 eröffneten sowohl WeWork als auch Mindspace ihre ersten Gemeinschaftsbüros in Deutschland. Während WeWork zunächst nur in Berlin im Sony Center am Potsdamer Platz eröffnet, zog es Mindspace neben Berlin auch nach Hamburg. Es gibt hunderte Coworking Spaces in Deutschland. Hier kamen auch “endlich” wir ins Spiel. Da Szymon und Gosia – die beiden Gründer – ein Coworking Space suchten, aber keine unabhängige Vergleichsplattform mit Informationen bestand, gründeten sie Ende 2016 dann CoworkingGuide.de.

Mindspace Hamburg

Zum Ende des Jahres gab es etwa 11000 Coworking Spaces weltweit. Der Wachstumsdrang der Coworking-Branche ist weiterhin nicht zu stoppen. Gleichzeitig zeigt sich ein weiterer Trend. Es werden immer mehr private Büros in Coworking Spaces nachgefragt und dementsprechend vermietet. Das klassische Coworking auf Flex Desks im Open Space wird immer weiter durch hybride Modelle mit privaten Offices ergänzt. Dementsprechend erfolgreich sind Anbieter wie WeWork und Mindspace. Die Israelis schlossen im Jahr 2017 ihre A-Series ab und erlösten 35 Millionen Euro. WeWork war noch erfolgreicher und nahm 760 Millionen ein und wird somit mit knapp 20 Milliarden Dollar bewertet. Zudem wurde im Juli 2017 WeWork China gegründet und direkt mit 500 Millionen an Funding ausgestattet.

2018 eröffneten die US-Amerikaner auch das größte Coworking Space Deutschlands. Am Potsdamer Platz entstand das WeWork Atrium Tower auf über 13000 Quadratmeter Fläche und über 14 Etagen. Seit Ende 2018 expandiert SPACES auch nach Deutschland, hat einen ersten Standort in Düsseldorf eröffnet und weitere Coworking Spaces in deutschen Metropolen angekündigt.

WeWork Berlin Atrium Tower Gebäude

Es gibt 2018 über 500 Coworking Spaces in Deutschland. Die Coworking Landschaft ist bunt gemischt. 50% aller deutschen Spaces sind weiterhin sehr familiär und haben weniger als 50 Mitglieder. Knapp ein Viertel hat mehr als 150 Arbeitsplätze. Weltweit gibt es geschätzte 18000 Spaces – und die Prognosen für die nächsten Jahre gehen von weiterem Wachstum aus.